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Till Brönner Quintett

„The Good Life“-Tour 2016

Die sanften Provokationen sind meist die nachhaltigsten. Der Berliner Trompeter Till Brönner ist nicht eben als Provokateur bekannt, und doch ist sein neues Album The Good Life nicht weniger als eine handfeste Herausforderung. Dabei war es anfangs gar nicht so gedacht. Jedes Album erzählt seine eigene Geschichte. Am besten läuft es dann, wenn aus einem geplanten Plot am Ende eine ganz andere Story wird. Bei The Good Life war das im besten Sinne der Fall. Man kann das Album natürlich genau als das nehmen, was es an und für sich ist: eine wunderbar entspannte Neubewertung bewährter Songklassiker, ohne diese auf Teufel komm raus nach »modern« zu bürsten. Viel spannender wird es aber, wenn man das Album als vorläufigen Höhepunkt einer ungewöhnlichen Laufbahn versteht.

Der heute 45 Jahre alte Trompeter feierte erste Triumphe als Solist in der RIAS Big Band, in der er sich auf ein weitgestecktes Repertoire einlassen musste und lernte, in einem perfekt aufeinander abgestimmten Ensemble zu grooven wie die Hölle und in jedem einzelnen Ton genau das zu geben, was der jeweilige Song braucht. Sein erstes Album Generations of Jazz spielte er 1994 unter anderem mit den Altmeistern Ray Brown und Jeff Hamilton ein, für einen deutschen Debütanten zur damaligen Zeit eine Sensation. Seitdem hat er viele künstlerische Stadien und Phasen durchschritten, sich als Produzent u.a. für Hildegard Knef und Thomas Quasthoff einen Namen gemacht und nicht zuletzt seine Stimme entdeckt.

Till Brönner darf sich zu Recht als erfolgreichster deutscher Jazzmusiker bezeichnen. Doch er ist weit mehr als nur ein Protagonist der nationalen oder europäischen Szene. Immer wieder zieht es ihn ins Mutterland des Jazz. Am International Jazz Day 2016 gelang ihm als Musiker, wovon die meisten deutschen Politiker nur träumen können, nämlich ein Auftritt im Weißen Haus. An der Seite von Jazz-Legenden wie Ray Brown, Dave Brubeck oder James Moody hat er zudem unmittelbar Tuchfühlung mit der Jazzgeschichte aufgenommen.

Natürlich hat Brönner auch zu allen Zeiten polarisiert. Seine Konzepte sind gerade im inneren Kreis der Jazzgemeinde nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Und doch geht er unbeirrt seinen Weg und findet stets seine eigenen Mittel, um die Jazz Community herauszufordern. Und damit kommen wir in der Gegenwart an, bei The Good Life. Denn was er sich hier traut, ist kühn. Er entschied sich für

eine Reihe von Songs, die in ihren Vokal-Fassungen Geschichte geschrieben haben. Es ging ihm um eine bestimmte Stimmung, einen heiteren, unbeschwerten Groove, freundlich und doch nachdenklich, sanft und doch zu keinem Zeitpunkt seicht. Erst im fortgeschrittenen Stadium der Arbeit stellte sich heraus, dass viele der Songs auch von Frank Sinatra gesungen worden sind. Nichts schwebte Brönner jedoch weniger vor als ein Sinatra-Tribut. Aber gerade weil sie dies nach wie vor in keinem der Songs sind, wird aus seinen Neuinterpretationen ein riesiges Hörvergnügen.

Noch bemerkenswerter ist Brönners Umgang mit Stimme und Instrument. Galt er bislang als Trompeter, der gelegentlich sang, tritt er uns auf The Good Life plötzlich als Sänger mit zwei Stimmen entgegen. “Hätte ich mir bei der Performance die ganze Zeit Gedanken gemacht, welch virtuoser und technischer Unterschied zwischen den beiden Ressourcen bestand, hätte ich die Trompete nicht so spielen können, wie ich das tue. Und beim Singen wäre mir der Kloß im Hals zum Verhängnis geworden. Meine einzige Chance bestand darin, im Kopf Stimme und Trompete überhaupt nicht mehr zu trennen.” Wie schon seine letzte Platte nahm er auch die neue in Los Angeles im ehemaligen Ocean Way Studio auf. Dass Frank Sinatra hier sein berühmtes My Way eingesungen hat, ist ein weiterer Zufall. “Der überwiegende Teil der Musiker lebt da drüben. Das war einfacher. Außerdem kann ich nur empfehlen, diese Art von Musik unter der Sonne Kaliforniens aufzunehmen. Wenn man sieht, wie Jeff Hamilton und John Clayton dort interagieren, merkt man, dass das West-Coast-Flair kein Mythos ist. Die Leute kommen mit einer ganz anderen Entspanntheit im Studio an. Da wird viel öfter eine Zigarre geraucht als hier.”

Apropos Jeff Hamilton: 22 Jahre nach Generations of Jazz begegnen sich die beiden Musiker erstmals wieder auf einer Platte. Für Brönner war das sowohl die Vollendung eines Kreises als auch eine späte Begegnung mit sich selbst am Anfang seiner Laufbahn. Die Arbeit mit dem West-Coast-Drummer hatte ihn einst initial geprägt, seither ist er sich ebenso selbst treu geblieben, wie er auch ständig neue Horizonte sucht. Bassist John Clayton hat bereits Anfang der 1970er Jahre mit Count Basie und Henry Mancini gearbeitet. An der Gitarre ist Anthony Wilson zu hören. Pianist Larry Goldings, der auch in avantgardistischen Kontexten zu hören ist, macht das Line-up komplett. Er ist in dieser Konstellation fast ein Outsider, doch gerade deshalb entschied sich Brönner für ihn. Er gibt der Produktion einen ironisch intellektuellen Kontrapunkt, dessen Augenzwinkern sie weit über Jazz-Kreise hinaus interessant macht.

Der erfahrene Produzent Ruud Jacobs hat die Produktion von der Außenperspektive abgesichert. Viele seiner Platten hat Brönner bislang selbst produziert, doch diesmal entschied er sich ganz bewusst für einen externen Produzenten. “Ich habe angefangen, meine Produktionen aus der Hand zu geben, weil mich diese Selbstbetrachtung im Spiegel nach einer Weile nervt.”

Auf The Good Life gelingt Till Brönner das Kunststück, mit einer Reihe altbewährter Jazz- und Song-Standards eine ganz neue Geschichte zu erzählen. Dass ihm das so leicht und verschmitzt, in manchen Augenblicken sogar erfrischend kaltschnäuzig von der Hand geht, liegt nicht zuletzt daran, dass er sich in seiner Beschäftigung mit der Tradition nicht die Bohne um die Tradition schert. Er hat sich selbst nicht allzu ernst genommen und schon gar nicht mit der Frage beschäftigt, mit wem er sich zu messen hätte. He does it his way.


Till Brönner Quintett

Service & Informationen

Till Brönner Quintett

Einlass ab 18:30 Uhr

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